„Hermeneutik der Gewalt: Narrative der Angst und Entbehrung in Victor Klemperers Tagebüchern“

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Samenvatting

Die Gattung Tagebuch hatte im Zeitraum des Dritten Reiches, der für die jüdische Bevölkerung mit der Koinzidenz zivilisatorischer und existentiell-psychischer Krise einherging, einen bedeutenden Stellenwert in der versuchsweisen Bewältigung des Zusammenbruchs des Ideals deutsch-jüdischen Zusammenlebens wie im Zeugnisablegen vom Holocaust. Im Mittelpunkt der psychosozialen Betrachtungen stehen die Tagebücher Victor Klemperers, Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten (1995). Ausgewiesenes Ziel dieses Vortrags ist es, der Frage nachzugehen, wie sich der Zusammenbruch des vertrauten Wertesystems in der Psyche des jüdischen Opfers niederschlägt. Die unaufhörliche Kette von Menschenrechtsverletzungen die zu einer Banalisierung des Menschenlebens führten, machte den Ausnahmezustand zum Alltag und den Alltag der Produktion des materiellen Lebens zu einer bloßen Regelabweichung. Vor dem Hintergrund der Veralltäglichung von Angst und Entbehrung bilden die Themenzusammenhänge 'Angst'' Krankheit' und 'Alpträume' das Kernstück der gängigen Probleme, die eindeutig die Befindlichkeit und Stimmung von Victor Klemperers Leben unter dem Nationalsozialismus bestimmen bzw. zum Ausdruck bringen. Die existentielle Krisensituation, wie das Dritte Reich für die jüdische Bevölkerung darstellte, war ab 1933 durch die Ungewissheit ihres Ausgangs gekennzeichnet. Die durch die Krise ausgelöste Unsicherheit erlaubte es den Betroffenen nicht mehr, ein teleologisches und zukunftsorientiertes Lebens- und Gesellschaftsprojekt zu denken. In Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt (1959) bringt Reinhard Koselleck "Der Ausdruck 'Krise' ist durch seinen diagnostischen und prognostischen Gehalt Indikator eines neuen Bewußtseins. [...] Jede Krise entzieht sich der Planung, rationaler Steuerung, die von der Fortschrittsgläubigkeit getragen ist." (S. 134) In Krisenzeiten wird man nämlich sich selbst überlassen, und die zeitliche Perspektive wird radikal auf die unmittelbare Gegenwart beschränkt. Die Krise beschwört auf diese Weise die Frage an die geschichtliche Zukunft. Die Gegenwart der Judenverfolgung ist geradezu durch Zeitlosigkeit gekennzeichnet, denn das Leben der jüdischen Opfer steht täglich unter dem stets gleichen Diktat der Vorschriften und Regeln wie der Willkür und des Terrors der Nazis. Dieser Terror der Unsicherheit konstituiert sich bei Klemperer in erster Linie nicht durch den topographischen Kontext des Judenhauses, in dem er sich befindet, sondern vor allem indem vorgeführt wird, wie er in das Sein - durch die vielfachen Verbote und Gebote - aber vor allem in das Bewusstsein und die Psyche der beängstigten, unterdrückten Insassen eingreift. Die Anomie der nationalsozialistischen Gesellschaft, wie sie zumindest aus jüdischer Perspektive wahrgenommen wurde, spürt Klemperer im Zusammenbruch der ihm bekannten kulturellen Ordnung und der einstmals herrschenden moralischen Normen und Werte. Für das einzelne Individuum ergaben sich im Nationalsozialismus Situationen von subjektivem Rechtsbewusstsein bei objektiven Unrechtshandlungen und objektiven Rechtshandlungen bei subjektivem Unrechtsbewusstsein. Eine dermaßen strukturelle Anomie führte en masse zu kognitiver Dissonanz. Das Tagebuch ist für Klemperer ein wichtiges Mittel sozialer bzw. kultureller Identitätsbildung, dem für ihn im Dritten Reich eine autotherapeutische Funktion zukam, indem das Niederschreiben von Erlebtem dazu dienen konnte, es zu bewältigen.
Originele taal-2German
TitelWiener Wiesenthal-Institut, Institut für Europäische Ethnologie, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Kooperation mit der Wienbibliothek (22-24 mei 2014)
StatusPublished - mei 2014
EvenementUnknown -
Duur: 1 mei 2014 → …

Conference

ConferenceUnknown
Periode1/05/14 → …

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